Erstes Interview

Weil sich herausgestellt hat, dass das Thema „Essstörungen“ auf großes Interesse stößt, habe ich mir Löcher in den (kaum vorhandenen) Bauch fragen lassen und versucht, ein paar Fragen zu beantworten:

Julia Bossart Meister: Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, deine Geschichte zu einem Buch zu machen?
Mara: Das kam aus heiterem Himmel: Ich stand in einer Buchhandlung und hatte – eine Autobiografie in den Händen haltend – plötzlich die verrückte Idee: „Hey, es wäre doch echt toll, wenn eines Tages ein Buch von mir hier stehen würde!“
Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Nicht ahnend, dass ich den Wunsch vom eigenen Buch mit sehr vielen anderen teile, wühlte ich noch am selben Tag Erinnerungen aus alten Tagebüchern und Hirnwindungen hervor und begann aufgeregt loszutippen, dass die Tasten nur so klapperten. Zwei von ihnen musste mein Laptop auf diese Weise lassen…

Wie muss man sich da die Arbeit am Manuskript vorstellen? Jeden Tag diszipliniert fünf Seiten oder eher der kreative Schaffensrausch bis nachts um drei?
Ganz klar Zweiteres: Umringt, fast überhäuft von unzähligen Noitzzettelchen und Papierfetzen schrieb ich das komplette Buch in weniger als drei Wochen. Das ging durchaus auch mal länger als bis drei Uhr nachts. Die fehlenden Tasten und meine Eigenart, nur einhändig zu tippen, geschweige denn blind schreiben zu können, erschwerten und verlängerten den Schreib-Prozess zwar, aber wo ein Wille, da ein Buch!   ( ;

Derartige Erfahrungen zu Papier zu bringen, weckt sicher viele ungute Erinnerungen. War der Schreibprozess eher belastend oder hatte das nochmalige Aufschreiben eher befreiende Wirkung?
Die Zeit während dem Schreiben und auch beim Lektorieren war nicht einfach, weil mit dem Aufkommen von unschönen Erinnerungen auch meine Essstörung wieder verstärkt hochkam. Es gab darum Phasen, in denen es mir nicht nur psychisch, sondern auch physisch ziemlich schlecht ging. Deswegen konnten sich die wenigsten meiner Mitmenschen für das Buch-Projekt begeistern.
Aber ich bin ein Sturkopf, und wenn sich erst einmal etwas in meinem Sturkopf festgesetzt hat, dann setze ich mich auch stur und mit vollem Einsatz dafür ein, dieses Ziel zu erreichen.
Das Ziel vom eigenen Buch konnte ich allerdings nur mit einem gewissen Maß an körperlicher Stabilität erlangen, denn der Weg zum Buch ist viel komplexer als man vemutet. Ich musste mich also entscheiden: Das Buch oder die Anorexie. Ich entschied mich gegen die Krankheit – und für das Buch.
Zwar lässt sich mit Abschließen des letzten Buch-Kapitels die Vergangenheit nicht ebenfalls ganz abschließen, aber Vieles ist jetzt hinter Schloss und Riegel. So gesehen hatte – im Nachhinein betrachtet – das Aufschreiben etwas Befreiendes. Und unter dem Strich kann ich sagen: Schreiben ist des Autors Lust!  ( ;

Du beschreibst sehr eindrücklich das Phänomen Drehtürpsychiatrie. Siehst du dazu eine Alternative, oder liegt es in der Natur der Magersucht, dass Klinikaufenthalte zwangsläufig scheitern, weil man den Patienten ja nur so lange gegen seinen Willen dortbehalten darf, bis er außer Lebensgefahr ist, also bevor die Therapie beendet ist?
Ich denke, dass das ganz auf den Einzelfall ankommt. Eine stationäre Behandlung muss nicht zwangsläufig erfolglos sein. Entscheidend ist zum Einen die Einstellung der Erkrankten (möchte er/sie geheilt werden oder nicht), und zum Anderen auch das Verhältnis zwischen TherapeutIn und PatientIn. Auch die richtige Klinikwahl trägt viel dazu bei, ob eine Behandlung erfolgreich verläuft oder scheitert.
Wenn eine Essgestörte nicht den Wunsch hat, gesund zu werden – und zwar für sich selbst, nicht anderen zuliebe – wird weder ein Klinikaufenthalt noch eine alternative Therapiemöglichkeit eine dauerhafte Veränderung bewirken können.

Was kann man als Außenstehender im Umgang mit Magersüchtigen tun? Man leidet ja quasi mit, will helfen, kann aber den Betroffenen kaum mehr erreichen.
So sehr ich es auch wünsche, ich habe leider kein Patentrezept! Es kommt auch da auf den Einzelfall an. Auf das Krankheitsstadium, die Erkrankungsdauer, den körperlichen Zustand, Erfahrungen mit den Auswirkungen der Krankheit und einiges mehr.
Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass jeder Druck, jeder Zwang von außen nur zu Gegendruck führte. Je mehr mir gesagt wurde, was ich falsch mache, was nicht stimmt, aber zu stimmen hat, desto weniger wollte ich stimmen. Man kann nicht lernen, sich selbst zu akzeptieren (und das ist einer der gravierendsten Punkte auf dem Weg aus der Sucht!), wenn man unentwegt zu hören bekommt, dass Gewicht, Blutwerte, Aussehen, Essverhalten etc. nicht akzeptabel sind.
Es ist verständlicher Weise für Familienangehörige, Freunde, Ärzte und Therapeuten nicht leicht, „einfach zuzuschauen“ – auch dann, wenn das Leben eines Menschen, den man liebt, am seidenen Faden hängt – aber letzten Endes brachte mich genau das dazu, selbst Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. – Und auch, mich endlich zu entscheiden, ob ich leben oder sterben möchte.
Davon abgesehen denke ich, dass offene, direkte und wertfreie Worte immer die beste Möglichkeit im Umgang mit Anorektikerinnen und Bulimikerinnen sind.

Im Buch kommen mehrere magersüchtige Freundinnen vor, und die Szenen sind durchaus ambivalent. Konntet ihr euch da eher helfen und unterstützen, weil man weiß, was die andere durchmacht, oder bestärkt man sich nicht gegenseitig in selbstzerstörerischen Verhaltensweisen? Hilfreich oder schädlich?
Auch das ist von Fall zu Fall unterschiedlich und abhängig von der Persönlichkeit und dem Krankheitsstadium bzw. der Bereitschaft zur Veränderung. In der damaligen Situation war das eher nicht von Vorteil, hat meine Essstörung vielmehr begünstigt.

Hast du noch Kontakt zu diesen Freundinnen?
Nein. Davon abgesehen, dass ich in der Zwischenzeit mehrere Male umgezogen bin, habe ich gemerkt, dass mir der Umgang mit Menschen, bei denen das Essen nur nebensächlich Thema ist, dabei hilft, selbst die Essstörung weniger zu thematisieren und anderen, lebendigeren Lebensinhalten mehr Raum zu geben.

Gibt es bei Essstörungen eine definitive Heilung? Oder ist man wie ein Alkoholiker auch „trocken“, aber ein Rückfallrisiko bleibt immer?
Allgemein geht man ja davon aus, dass die Heilungschancen umso höher sind, je kürzer die Krankheitsdauer ist. Aus meinen Erfahrungen muss ich leider sagen, dass ich – mit einer einzigen Ausnahme – keine Betroffene kenne, die wirklich völlig geheilt ist. Erschwerend ist, dass man das Thema Essen ja nicht einfach komplett ausblenden kann, wie es bei vielen anderen Süchten der Fall ist. Man muss sich tagtäglich mehrfach damit auseinandersetzen und immer wieder neu entscheiden, ob man sich selbst oder die Sucht leben lassen möchte.

Wie wirkt sich die Magersucht heute noch auf deinen Alltag aus?
Ich bin in engmaschiger therapeutischer und ärztlicher Behandlung – freiwillig, nicht weil ich gezwungen werde. Fast 17 lange Jahre habe ich meinen Körper bekämpft – das blieb nicht ohne gravierende Folgen…
Die Magersucht habe ich inzwischen satt und wieder Appetit aufs Leben bekommen, aber so richtig schmecken lassen kann ich es mir noch nicht.

Du schreibst und malst – gibt es noch mehr kreative Adern in dir?
Definitiv! Ich habe mehr kreative Ideen als der Tag (und die Nacht) Stunden hat! Neben dem Schreiben und Zeichnen fotografiere ich sehr gerne oder gestalte Webseiten. Auch meine Wohnung fällt meiner Kreativität häufiger als gut zum Opfer. Da lösen sich dann schon mal die Tapeten von den Wänden, weil ich zu häufig gestrichen habe, oder Möbel brechen zusammen, weil sie zu oft hin und her geschoben wurden. Davon abgesehen nähe ich Teddybären, Taschen und verwerte Reste, die mir gerade in die Quere kommen, zu etwas, was die Welt eigentlich nicht braucht, aber trotzdem schön anzusehen ist.

Und gibt es ein nächstes größeres Projekt? Ein weiteres Buch? Oder etwas ganz anderes?
Mein nächstes Projekt wird sein, ein Wunderheilmittel gegen Essstörungen zu entwickeln. Alle, die dann gesund sind, lade ich zu einem Festessen ein. Wir werden zusammen eine Wohngemeinschaft gründen, die ich wöchentlich neu gestalte, und in der ich auf einem Laptop, dem keine Tasten fehlen, mit zwei Händen ein neues Buch schreibe. – Nicht zu vergessen der angrenzende Laden, in dem ich all meine Teddybären und Zeichnungen verkaufe. Vom Erlös werde ich mir dann eine Spiegelreflexkamera kaufen, mit der ich Fotos für mein übernächstes Projekt, einem Kalender, schieße…   ( ;

© Julia Bossart Meister, Mara Schwarz | 2012

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