Zweites Interview

Anhand vieler Rückmeldungen von Lesern meines Buches zeigte sich, dass einige Menschen ähnliche Fragen an mich haben. Darum entschied ich mich für ein zweites Interview. Meine Autobiografie trifft nicht nur bei Betroffenen und Angehörigen auf Interesse, sondern auch bei Menschen, die sich aus beruflichen Gründen mit Anorexie und Bulimie befassen. So habe ich mir von Susanne Meister, Heilpraktikerin für Psychotherapie, die ihr therapeutisches Angebot speziell an Menschen mit Essstörungen richtet, ein paar Fragen stellen lassen:

Susanne Meister: Mara, zur Entstehungsgeschichte deines Buches und zu einigen Fragen die Magersucht betreffend hast du uns ja schon in deinem ersten Interview einiges mitgeteilt.
Mich würde aus therapeutischer Sicht noch so manches interessieren.
Was mich bei der Lektüre deines Buches ganz besonders berührt hat, ist dein Schreibstil. Er ist in gewisser Weise knallhart, beschönigt nichts, verschweigt nichts. Und dennoch ist für mich eine ganz wohlwollende Haltung dir gegenüber, ein verstehendes Augenzwinkern deutlich spürbar. Wie ist dir der Schritt von der jahrelangen Selbstzerstörung hin zu diesem liebevollen Akzeptieren gelungen?
Mara: Es ist richtig, dass ich mich inzwischen besser annehmen kann –  zu einem liebevollen Akzeptieren ist es jedoch noch ein ziemlich weiter Weg.
Vermutlich ist das Wort „Augenzwinkern“ bereits die Antwort auf die Frage: Ich habe den ironischen Teil in mir entdeckt, ihn eigentlich vielmehr wieder aufblühen zu lassen, da er mir quasi in die Wiege gelegt wurde, was ich als ein großes Geschenk ansehe. Mit meiner humorvollen Art habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das Leben generell und der Umgang mit mir selbst um einiges einfacher ist, wenn ich gewisse Dinge nicht zu ernst nehme, und wenn ich auch mal über mich selbst lache. Was also bedeutet, den (für Magersüchtige ja typischen) Anspruch an mich abzulegen, stets perfekt sein zu müssen. Oder zu glauben, mich für vermeintliche „Fehler“ bestrafen zu müssen, mir Liebe und Anerkennung erst „erarbeiten“, „verdienen“ zu müssen.
„NoBODY is perfekt“ [¹], heißt es ja absolut treffend, und ebenso muss NObody einen perfekten BODY haben, auch ich nicht.
[¹] Anmerkung: Und darum editiere ich den unperfekten K-Fehler nicht.  ( ;
Davon abgesehen hat mir auch mein menschliches Umfeld zu mehr Selbstakzeptanz verholfen, indem ich einfach so sein durfte, wie ich war (wenn mit mir auch zugegebenermaßen manchmal nicht gut Kirschenessen war, aber bei wem ist das nicht so?!).

Dein Buch beginnt, als du in einem absolut lebensbedrohlichen Zustand warst, wo Lebenserhaltung an erster Stelle stehen musste. Dabei wurdest du, wie es meistens der Fall ist, Zwangsmaßnahmen ausgesetzt, die von dir als eine Fortsetzung deiner traumatischen Erfahrung, als erneute Manipulation deines Körpers erlebt wurden, was dich sofort in eine Abwehrhaltung gehen ließ. Dabei gab es ja durchaus auch Ärzte und Schwestern, die dich und deine Not gesehen haben, wie z.B. Dr. Ernie, der aber letztlich auch traurig und hilflos resignieren musste, weil er auf der Seite des Feindes stand. Kannst du aus deiner heutigen Position heraus irgendetwas benennen, von dem du meinst, dass es dir damals geholfen hätte? Was hättest du dir von Therapeuten gewünscht? Hätte man dich mit irgendetwas erreichen können?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Aber nein, ich denke nicht, dass das zu diesem Zeitpunkt noch möglich war. Selbst einen Zaubertrunk hätte ich ja nicht getrunken, ebenso keine Wunderpille geschluckt… Viel früher hätte man mich vielleicht noch erreichen können, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, auf Verständnis zu treffen und wenn wir, also die Ärzte, Therapeuten und ich, zusammen an einem Strang gezogen hätten. Und wenn offener mit mir umgegangen worden wäre, ich nachvollziehen hätte können, warum dies oder jenes sinnvoll ist.
Gut möglich, dass ich auch einfach zu oft in ein und derselben Klinik war. Die Rollen beider Seiten waren damals schon zu sehr verfestigt und wurden mit jedem weiteren Scheitern noch fester. Vielleicht hätte ich einen unbefangenen „therapeutischen Neuanfang“ gebraucht, ohne Vorurteile auf beiden Seiten, ich weiß es nicht. Und ich bin auch kein Freund von Spekulationen.

Du zitierst in deinem Buch den Satz: „Nichts ist einer Essstörung förderlicher als ihre Behandlung.“ Das kann ich gut nachvollziehen, wenn die Klientin die Therapie wie oben beschrieben erlebt. Aber abzuwarten, bis die Klientin sich zu Tode hungert, in der Hoffnung, dass es vorher *klick* macht, ist auch nicht die ultimative Lösung. Kannst du außer Zwang und Druck noch etwas benennen, was deiner Meinung nach eine Therapie von vornherein zum Scheitern verurteilt? Was sollte eine Therapeutin vermeiden?
Ich denke, entscheidend ist zudem, dass sowohl ein Vertrauensverhältnis, als auch eine „gleichwertige Beziehung“ besteht, also dass die Patientin nicht das Gefühl hat, die Kleinere, Schwächere zu sein, die, die weniger zu sagen zu hat als der Therapeut. Optimal wäre, wenn die Patientin ihre Zielsetzung und die Zeitspanne, in der das Angestrebte erreicht werden sollte, selbst festlegen könnte bzw. das in Zusammenarbeit herausgefunden werden könnte. Aber das ist natürlich stark davon abhängig, in welchem Krankheitsstadium sich die Patientin befindet. Bei mir war das zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich.

Ich habe den Eindruck, dass du eine besondere Vorliebe für Wortspielereien hast. Genial finde ich deinen Ausdruck „PAINtings“, der treffender nicht sein könnte für deinen zu Papier gebrachten Schmerz. Das zeugt von deiner enormen Kreativität, die in deinem ersten Interview bereits zur Sprache gekommen ist. Hat dir diese Ressource in deiner schwersten Zeit geholfen?
Du hast ja erwähnt, dass das Schreiben deines Buches dich letztendlich noch einmal vor die Alternative Buch oder Anorexie gestellt hat. Würdest du sagen, dass das Sichtbarwerden in deinem Buch und in deinem Blog einen wichtigen Beitrag leistet auf deinem Weg heraus aus der Krankheit und hin zum Leben?
Ja. Der Griff zu Zeichenblock und Tusche, oder auch der zu Tagebuch und Stift, war eine große Stütze. Trotz aller Freude am Malen möchte ich mir nicht ausmalen, wie und ob ich gewisse Zeiten meines Lebens ohne das Zeichnen und Schreiben durchgestanden hätte.
Auch heute hat kreatives Schaffen eine wichtige Bedeutung für mich. Nicht nur das Schreiben, sondern auch das Fotografieren und die anschließende Bildbearbeitung sind eine zumeist erfolgreiche Strategie für mich, um beispielsweise Flash-Backs loszuwerden.
Davon abgesehen habe ich festgestellt, dass es mir hilft, negative Emotionen und belastende Bilder wegzuschieben, wenn ich mein Augenmerk auf schöne Dinge lenke. Wenn ich also keine schwarzen PAINtings mehr zeichne, sondern anstelle derer farbige Fotos knipse oder auch bunte Bilder male. Für meine farbenfrohen, niedlichen Postkärtchen bin ich nach mittlerweile knapp 1000 Stück ziemlich bekannt, welche die Fortsetzung und zugleich das exakte Gegenteil der PAINtings sind. Vielleicht werde ich ein paar davon im Netz veröffentlichen, mal sehen. an kreativen Ideen mangelt es jedenfalls nicht.
  ( ;

Welcher Leidensweg beim Beginn deines Buches bereits hinter dir lag, ist wohl kaum zu ermessen. Gibt es Pläne von dir, deine interessierten Leser auch an dieser Zeit ein wenig teilnehmen zu lassen?
Kommt Zeit, kommt Plan! (Oder ein weiteres Buch?)
– Tendenziell jedenfalls gehen meine Pläne mehr in Richtung Zukunft. Das Buch sollte ja ein Abschließen mit der Vergangenheit sein, darum möchte ich die alten Zeiten nun auch ruhen lassen und dafür nach vorne blicken. – Es gibt schließlich viel versäumtes (Er-)Leben nachzuholen.

Durch deine ehrliche und offene Art, alles auszusprechen, gelingt es dir in deinem Buch sehr gut, das Leiden einer Anorektikerin an ihrer inneren Zerrissenheit und dem daraus resultierenden widersprüchlichen Verhalten aufzuzeigen. Ihr ist diese Widersprüchlichkeit durchaus bewusst, sie schämt sich dafür und kann sich dieser Handlungsweise doch nicht entziehen. Gerade das wird von der Außenwelt oft nicht verstanden, was zu abschätzigen Reaktionen führt, die wiederum bei der Betroffenen noch mehr Schuldgefühle entstehen lassen.
Dein Buch leistet meiner Meinung nach einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Krankheit. Hast du von Nicht-Betroffenen entsprechende Rückmeldungen bekommen?
Ja. Zwar kommen die meisten Feedbacks von Betroffenen (oder von Autoren, die auf der Suche nach einem Verlag am Verzweifeln sind und nach Tipps fragen), aber vereinzelt erhalte ich auch Rückmeldungen von Menschen, die nicht selbst erkrankt sind, sondern jemanden kennen, der eine Essstörung hat, und denen mein Buch eine hilfreiche Lektüre sein konnte.
Zu hören oder zu lesen, dass ich zu einem besseren Verständnis dieser Krankheiten beitragen kann, zeigt mir, dass es sich beidseits gelohnt hat, den „Buch-Weg“ mit all seinen Stolpersteinchen einzuschlagen.

© Susanne Meister, Mara Schwarz | 2012

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