Tyrannosaurus Anorexius

Der folgende Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Magersucht ist kein Zuckerschlecken“ – © Periplaneta Verlag, 2012

[…] Am Abend sitze ich wieder zeichnend auf meinem Stammplatz in der Besucherecke des Klinikflurs.
„Hey du!“, sagt ein sehr dünner, erschreckend krank aussehender, kahlköpfiger Mann, der auf der Nachbarstation liegt und mir schon öfter aufgefallen ist, weil er – genau wie ich – häufig mit seinem Infusionsständer Runden auf dem Gang dreht.
Ich blicke hoch.
„Darf ich mich einen Moment zu dir setzen?“, fragt er.
„Ja?!“, sage ich etwas ängstlich und rutsche zögerlich zur Seite.
Er kommt mir nicht ganz geheuer vor, denn er sieht mich stets mit seltsamen Blicken an, die ich nicht deuten kann.
„Ich heiße Horst.“, stellt er sich vor.
„Hallo Horst!“, sage ich knapp, ohne meinen Namen ebenfalls zu verraten.
„Du bist auch immer unterwegs, was?“
„Ja.“
„Warum bist du hier?“
, möchte er wissen.
„Anorexie.“
Ich wähle absichtlich nicht den deutschen Begriff. Denn obwohl ich einerseits zwar weiß, dass ich zu dünn bin, schäme ich mich in solchen Momenten doch. Da ich nämlich – was bei dieser Krankheit typisch ist – glaube, dass ich für eine Magersüchtige relativ „dick“ bin, habe ich Angst vor der Antwort: „So siehst du gar nicht aus!“
Aber Horst fragt: „Und was heißt das? Das klingt nach einer Dinosaurierart!“
„Nein, kein Dino!“, sage ich also verlegen, „Magersucht.“
Ich bringe das Wort kaum über die Lippen.
Der Vergleich mit einem dicken, schweren, alles rücksichtslos niedertrampelnden Dinosaurier gefällt mir. Denn so fühle ich mich oft. Gleichzeitig aber manchmal so, als ob auch von mir nur noch Knochen übrig sind. Als wäre mein wirkliches Ich vor langer Zeit gestorben…
„Das habe ich mir schon fast gedacht“, sagt Horst.
„Was?“
„Dass du magersüchtig bist! – Hey, wo bist du gerade mit deinen Gedanken?“
„Entschuldige! Wieso hast du dir das gedacht?“
„Na, weil du halt so extrem dünn bist!“
, lacht er.
„Du doch auch!“
„Ich bin aber nicht magersüchtig“
, lacht er erneut.
„Hast du Krebs?“, frage ich vorsichtig. Denn seine drei Infusionsflaschen lassen mich zusammen mit den nicht vorhandenen Haaren und der Kachexie darauf schließen.
„Ja“, bestätigt Horst meine Vermutung. „Ich habe Krebs. Ich bin schon zum vierten Mal hier.“
„Oh!“
„Nein, nein, das ist nicht so schlimm wie es klingt!“
, wehrt er ab und sagt mit einem Blick auf meinen aufgeschlagenen Zeichenblock: „Du kannst toll zeichnen!“
„Danke! Das ist aber nicht so gut geworden mit dem Ding da im Arm.“

Ich deute auf meine Infusion.
„Ich finde es klasse! Hast du noch mehr?“
„Ja“, nicke ich und reiche ihm den Block. Die Bilder hat zuvor noch niemand gesehen. Horst widmet ihnen sehr viel Zeit und Interesse. Erstaunlich, was er daraus deutet! Obwohl er so gut wie nichts von mir weiß, bringt er Vieles exakt auf den Punkt.
Dann fragt er: „Kannst du auch Nashörner zeichnen?“
„Nashörner?“
„Ja. Ich liebe Nashörner! Sie sind so robust und können sich mit ihrem großen Horn auf der Nase gegen alles wehren!“

„Ich kann es ja mal probieren!“, sage ich und beschließe ihm ein Nashorn zu zeichnen, das mit seinem Horn Horsts Krebs besiegt.
Der Krebs kommt mir bedrohlich vor. Unberechenbar. Hinterlistig. Brutal. Fies. Rücksichtslos. Wie der Tyrannosaurus Anorexius auch.
Plötzlich bekomme ich wieder Angst vor ihm.

[…] Keine fünf Wochen später ist Horst tot.
Als ich ihn in der Klinik besuchen möchte um ihm endlich seine gewünschte Nashornzeichnung zu überreichen, ist er nicht mehr da.
Ich habe es geahnt und dennoch trifft mich die Nachricht sehr.
„Du wirst es schaffen!“, hatte Horst gesagt.
Er hatte aber auch gesagt, dass er selbst es schaffen wird.
Er hatte gesagt: „Weder ein lächerlicher Tyrannosaurus Anorexius noch ein lächerlicher Krebs werden uns klein kriegen!“
Was ist nun mit starken Nashörnern? Sind sie genauso ausgestorben wie gewaltige Dinosaurier?!
Ein Riesensaurier hat jedenfalls weiterhin überlebt: Mein persönlicher Gegner Tyrannosaurus Anorexius.
Ich zerreiße die Nashornzeichnung in unzählige Einzelstücke und werfe sie vor dem Klinikeingang in den Mülleimer.
(Todes-)Angst erfüllt mich. Angst vor dem Tyrannosaurus. Angst vor Krebs. Angst vor dem Alleinsein. Ja, ich habe das Gefühl, auf mich alleine gestellt zu sein. Alleine in der Auseinandersetzung mit einem riesigen Gegner, der mich bereits mehrfach fast mit Haut und Haar verschlungen hat, und den es nun endgültig zu bezwingen gilt, um nicht ebenfalls zu sterben.
Ich fühle mich winzig klein und unendlich schwach. Zugleich möchte, muss ich stark sein, denn ich bin mir darüber im Klaren, dass nur ich selbst, ganz für mich allein, die Entscheidung darüber treffen kann, wer am Ende als Sieger dasteht. […]

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Ich habe diesen Textauszug gewählt, weil ich Mut machen möchte. Denn seit diesem zitierten Tag sind inzwischen fast sechs Jahre vergangen. Sechs Jahre, in denen es immer wieder kurze oder auch längere Phasen gab, in denen nicht sicher war, wer der stärkere ist. Es war keine einfache Zeit – ist es auch heute nicht – ich bin jedoch davon überzeugt, dass es sich gelohnt hat, mutig zu sein, manchmal allerletzte Energiereserven aufzuwenden und mich dem Tyrannosaurus zu stellen. Immer wieder aufs Neue. Immer wieder von vorn.
Auch wenn der Tyrann noch nicht verschwunden ist, so wurde er doch im Laufe der Zeit immer ein wenig kleiner und schwächer – und ich etwas größer und stärker.

Zudem habe ich den Text herausgesucht, weil ich allen, die gerade ebenfalls gegen Krebs, diesen Riesensaurier oder einen anderen scheinbar unbezwingbaren Gegner angehen, ganz viel Kraft wünsche!
Aber auch, weil ich all jenen, denen sich die Anorexie noch nicht als Tyrannosaurus enttarnt hat, wünsche, dass sie die Realität erkennen, solange die Möglichkeit besteht, sich von ihm abzuwenden, ihm den Rücken zuzukehren.

Mara Schwarz | 2012

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