Über Mara Schwarz

Autorin

2. Auflage

Nach nur knapp zwei Monaten verzeichnet die erste Auflage meines Buches vom Mai 2012 so gute Verkaufszahlen, dass der Periplaneta Verlag bereits im August 2012 eine zweite Ausgabe herausbringt.
Meine Autobiografie hat sich damit zum bisher erfolgreichsten Buch der Verlagsgeschichte entwickelt. Dass eine Zweitauflage erscheinen und mehr als nur ein verirrter Besucher auf mein Blog finden wird, ist weitaus mehr, als ich jemals erhofft hatte und freut mich darum umso mehr. Vielen Dank!

Mara Schwarz

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Lesung „Magersucht ist kein Zuckerschlecken“ (1)

Auszug aus dem Buch „Magersucht ist kein Zuckerschlecken“ von Mara Schwarz,
gelesen von Marion Alexa Müller

MARA SCHWARZ: „Magersucht ist kein Zuckerschlecken“
Eine Autobiografie, Buch, Softcover 232 S., 20,6×13,5cm, ISBN: 978-3-940767-91-2,
Edition Blickpunkt, GLP:  13,90 € (D)

Tyrannosaurus Anorexius

Der folgende Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Magersucht ist kein Zuckerschlecken“ – © Periplaneta Verlag, 2012

[…] Am Abend sitze ich wieder zeichnend auf meinem Stammplatz in der Besucherecke des Klinikflurs.
„Hey du!“, sagt ein sehr dünner, erschreckend krank aussehender, kahlköpfiger Mann, der auf der Nachbarstation liegt und mir schon öfter aufgefallen ist, weil er – genau wie ich – häufig mit seinem Infusionsständer Runden auf dem Gang dreht.
Ich blicke hoch.
„Darf ich mich einen Moment zu dir setzen?“, fragt er.
„Ja?!“, sage ich etwas ängstlich und rutsche zögerlich zur Seite.
Er kommt mir nicht ganz geheuer vor, denn er sieht mich stets mit seltsamen Blicken an, die ich nicht deuten kann.
„Ich heiße Horst.“, stellt er sich vor.
„Hallo Horst!“, sage ich knapp, ohne meinen Namen ebenfalls zu verraten.
„Du bist auch immer unterwegs, was?“
„Ja.“
„Warum bist du hier?“
, möchte er wissen.
„Anorexie.“
Ich wähle absichtlich nicht den deutschen Begriff. Denn obwohl ich einerseits zwar weiß, dass ich zu dünn bin, schäme ich mich in solchen Momenten doch. Da ich nämlich – was bei dieser Krankheit typisch ist – glaube, dass ich für eine Magersüchtige relativ „dick“ bin, habe ich Angst vor der Antwort: „So siehst du gar nicht aus!“
Aber Horst fragt: „Und was heißt das? Das klingt nach einer Dinosaurierart!“
„Nein, kein Dino!“, sage ich also verlegen, „Magersucht.“
Ich bringe das Wort kaum über die Lippen.
Der Vergleich mit einem dicken, schweren, alles rücksichtslos niedertrampelnden Dinosaurier gefällt mir. Denn so fühle ich mich oft. Gleichzeitig aber manchmal so, als ob auch von mir nur noch Knochen übrig sind. Als wäre mein wirkliches Ich vor langer Zeit gestorben…
„Das habe ich mir schon fast gedacht“, sagt Horst.
„Was?“
„Dass du magersüchtig bist! – Hey, wo bist du gerade mit deinen Gedanken?“
„Entschuldige! Wieso hast du dir das gedacht?“
„Na, weil du halt so extrem dünn bist!“
, lacht er.
„Du doch auch!“
„Ich bin aber nicht magersüchtig“
, lacht er erneut.
„Hast du Krebs?“, frage ich vorsichtig. Denn seine drei Infusionsflaschen lassen mich zusammen mit den nicht vorhandenen Haaren und der Kachexie darauf schließen.
„Ja“, bestätigt Horst meine Vermutung. „Ich habe Krebs. Ich bin schon zum vierten Mal hier.“
„Oh!“
„Nein, nein, das ist nicht so schlimm wie es klingt!“
, wehrt er ab und sagt mit einem Blick auf meinen aufgeschlagenen Zeichenblock: „Du kannst toll zeichnen!“
„Danke! Das ist aber nicht so gut geworden mit dem Ding da im Arm.“

Ich deute auf meine Infusion.
„Ich finde es klasse! Hast du noch mehr?“
„Ja“, nicke ich und reiche ihm den Block. Die Bilder hat zuvor noch niemand gesehen. Horst widmet ihnen sehr viel Zeit und Interesse. Erstaunlich, was er daraus deutet! Obwohl er so gut wie nichts von mir weiß, bringt er Vieles exakt auf den Punkt.
Dann fragt er: „Kannst du auch Nashörner zeichnen?“
„Nashörner?“
„Ja. Ich liebe Nashörner! Sie sind so robust und können sich mit ihrem großen Horn auf der Nase gegen alles wehren!“

„Ich kann es ja mal probieren!“, sage ich und beschließe ihm ein Nashorn zu zeichnen, das mit seinem Horn Horsts Krebs besiegt.
Der Krebs kommt mir bedrohlich vor. Unberechenbar. Hinterlistig. Brutal. Fies. Rücksichtslos. Wie der Tyrannosaurus Anorexius auch.
Plötzlich bekomme ich wieder Angst vor ihm.

[…] Keine fünf Wochen später ist Horst tot.
Als ich ihn in der Klinik besuchen möchte um ihm endlich seine gewünschte Nashornzeichnung zu überreichen, ist er nicht mehr da.
Ich habe es geahnt und dennoch trifft mich die Nachricht sehr.
„Du wirst es schaffen!“, hatte Horst gesagt.
Er hatte aber auch gesagt, dass er selbst es schaffen wird.
Er hatte gesagt: „Weder ein lächerlicher Tyrannosaurus Anorexius noch ein lächerlicher Krebs werden uns klein kriegen!“
Was ist nun mit starken Nashörnern? Sind sie genauso ausgestorben wie gewaltige Dinosaurier?!
Ein Riesensaurier hat jedenfalls weiterhin überlebt: Mein persönlicher Gegner Tyrannosaurus Anorexius.
Ich zerreiße die Nashornzeichnung in unzählige Einzelstücke und werfe sie vor dem Klinikeingang in den Mülleimer.
(Todes-)Angst erfüllt mich. Angst vor dem Tyrannosaurus. Angst vor Krebs. Angst vor dem Alleinsein. Ja, ich habe das Gefühl, auf mich alleine gestellt zu sein. Alleine in der Auseinandersetzung mit einem riesigen Gegner, der mich bereits mehrfach fast mit Haut und Haar verschlungen hat, und den es nun endgültig zu bezwingen gilt, um nicht ebenfalls zu sterben.
Ich fühle mich winzig klein und unendlich schwach. Zugleich möchte, muss ich stark sein, denn ich bin mir darüber im Klaren, dass nur ich selbst, ganz für mich allein, die Entscheidung darüber treffen kann, wer am Ende als Sieger dasteht. […]

_____________________

Ich habe diesen Textauszug gewählt, weil ich Mut machen möchte. Denn seit diesem zitierten Tag sind inzwischen fast sechs Jahre vergangen. Sechs Jahre, in denen es immer wieder kurze oder auch längere Phasen gab, in denen nicht sicher war, wer der stärkere ist. Es war keine einfache Zeit – ist es auch heute nicht – ich bin jedoch davon überzeugt, dass es sich gelohnt hat, mutig zu sein, manchmal allerletzte Energiereserven aufzuwenden und mich dem Tyrannosaurus zu stellen. Immer wieder aufs Neue. Immer wieder von vorn.
Auch wenn der Tyrann noch nicht verschwunden ist, so wurde er doch im Laufe der Zeit immer ein wenig kleiner und schwächer – und ich etwas größer und stärker.

Zudem habe ich den Text herausgesucht, weil ich allen, die gerade ebenfalls gegen Krebs, diesen Riesensaurier oder einen anderen scheinbar unbezwingbaren Gegner angehen, ganz viel Kraft wünsche!
Aber auch, weil ich all jenen, denen sich die Anorexie noch nicht als Tyrannosaurus enttarnt hat, wünsche, dass sie die Realität erkennen, solange die Möglichkeit besteht, sich von ihm abzuwenden, ihm den Rücken zuzukehren.

Mara Schwarz | 2012

Zweites Interview

Anhand vieler Rückmeldungen von Lesern meines Buches zeigte sich, dass einige Menschen ähnliche Fragen an mich haben. Darum entschied ich mich für ein zweites Interview. Meine Autobiografie trifft nicht nur bei Betroffenen und Angehörigen auf Interesse, sondern auch bei Menschen, die sich aus beruflichen Gründen mit Anorexie und Bulimie befassen. So habe ich mir von Susanne Meister, Heilpraktikerin für Psychotherapie, die ihr therapeutisches Angebot speziell an Menschen mit Essstörungen richtet, ein paar Fragen stellen lassen:

Susanne Meister: Mara, zur Entstehungsgeschichte deines Buches und zu einigen Fragen die Magersucht betreffend hast du uns ja schon in deinem ersten Interview einiges mitgeteilt.
Mich würde aus therapeutischer Sicht noch so manches interessieren.
Was mich bei der Lektüre deines Buches ganz besonders berührt hat, ist dein Schreibstil. Er ist in gewisser Weise knallhart, beschönigt nichts, verschweigt nichts. Und dennoch ist für mich eine ganz wohlwollende Haltung dir gegenüber, ein verstehendes Augenzwinkern deutlich spürbar. Wie ist dir der Schritt von der jahrelangen Selbstzerstörung hin zu diesem liebevollen Akzeptieren gelungen?
Mara: Es ist richtig, dass ich mich inzwischen besser annehmen kann –  zu einem liebevollen Akzeptieren ist es jedoch noch ein ziemlich weiter Weg.
Vermutlich ist das Wort „Augenzwinkern“ bereits die Antwort auf die Frage: Ich habe den ironischen Teil in mir entdeckt, ihn eigentlich vielmehr wieder aufblühen zu lassen, da er mir quasi in die Wiege gelegt wurde, was ich als ein großes Geschenk ansehe. Mit meiner humorvollen Art habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das Leben generell und der Umgang mit mir selbst um einiges einfacher ist, wenn ich gewisse Dinge nicht zu ernst nehme, und wenn ich auch mal über mich selbst lache. Was also bedeutet, den (für Magersüchtige ja typischen) Anspruch an mich abzulegen, stets perfekt sein zu müssen. Oder zu glauben, mich für vermeintliche „Fehler“ bestrafen zu müssen, mir Liebe und Anerkennung erst „erarbeiten“, „verdienen“ zu müssen.
„NoBODY is perfekt“ [¹], heißt es ja absolut treffend, und ebenso muss NObody einen perfekten BODY haben, auch ich nicht.
[¹] Anmerkung: Und darum editiere ich den unperfekten K-Fehler nicht.  ( ;
Davon abgesehen hat mir auch mein menschliches Umfeld zu mehr Selbstakzeptanz verholfen, indem ich einfach so sein durfte, wie ich war (wenn mit mir auch zugegebenermaßen manchmal nicht gut Kirschenessen war, aber bei wem ist das nicht so?!).

Dein Buch beginnt, als du in einem absolut lebensbedrohlichen Zustand warst, wo Lebenserhaltung an erster Stelle stehen musste. Dabei wurdest du, wie es meistens der Fall ist, Zwangsmaßnahmen ausgesetzt, die von dir als eine Fortsetzung deiner traumatischen Erfahrung, als erneute Manipulation deines Körpers erlebt wurden, was dich sofort in eine Abwehrhaltung gehen ließ. Dabei gab es ja durchaus auch Ärzte und Schwestern, die dich und deine Not gesehen haben, wie z.B. Dr. Ernie, der aber letztlich auch traurig und hilflos resignieren musste, weil er auf der Seite des Feindes stand. Kannst du aus deiner heutigen Position heraus irgendetwas benennen, von dem du meinst, dass es dir damals geholfen hätte? Was hättest du dir von Therapeuten gewünscht? Hätte man dich mit irgendetwas erreichen können?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Aber nein, ich denke nicht, dass das zu diesem Zeitpunkt noch möglich war. Selbst einen Zaubertrunk hätte ich ja nicht getrunken, ebenso keine Wunderpille geschluckt… Viel früher hätte man mich vielleicht noch erreichen können, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, auf Verständnis zu treffen und wenn wir, also die Ärzte, Therapeuten und ich, zusammen an einem Strang gezogen hätten. Und wenn offener mit mir umgegangen worden wäre, ich nachvollziehen hätte können, warum dies oder jenes sinnvoll ist.
Gut möglich, dass ich auch einfach zu oft in ein und derselben Klinik war. Die Rollen beider Seiten waren damals schon zu sehr verfestigt und wurden mit jedem weiteren Scheitern noch fester. Vielleicht hätte ich einen unbefangenen „therapeutischen Neuanfang“ gebraucht, ohne Vorurteile auf beiden Seiten, ich weiß es nicht. Und ich bin auch kein Freund von Spekulationen.

Du zitierst in deinem Buch den Satz: „Nichts ist einer Essstörung förderlicher als ihre Behandlung.“ Das kann ich gut nachvollziehen, wenn die Klientin die Therapie wie oben beschrieben erlebt. Aber abzuwarten, bis die Klientin sich zu Tode hungert, in der Hoffnung, dass es vorher *klick* macht, ist auch nicht die ultimative Lösung. Kannst du außer Zwang und Druck noch etwas benennen, was deiner Meinung nach eine Therapie von vornherein zum Scheitern verurteilt? Was sollte eine Therapeutin vermeiden?
Ich denke, entscheidend ist zudem, dass sowohl ein Vertrauensverhältnis, als auch eine „gleichwertige Beziehung“ besteht, also dass die Patientin nicht das Gefühl hat, die Kleinere, Schwächere zu sein, die, die weniger zu sagen zu hat als der Therapeut. Optimal wäre, wenn die Patientin ihre Zielsetzung und die Zeitspanne, in der das Angestrebte erreicht werden sollte, selbst festlegen könnte bzw. das in Zusammenarbeit herausgefunden werden könnte. Aber das ist natürlich stark davon abhängig, in welchem Krankheitsstadium sich die Patientin befindet. Bei mir war das zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich.

Ich habe den Eindruck, dass du eine besondere Vorliebe für Wortspielereien hast. Genial finde ich deinen Ausdruck „PAINtings“, der treffender nicht sein könnte für deinen zu Papier gebrachten Schmerz. Das zeugt von deiner enormen Kreativität, die in deinem ersten Interview bereits zur Sprache gekommen ist. Hat dir diese Ressource in deiner schwersten Zeit geholfen?
Du hast ja erwähnt, dass das Schreiben deines Buches dich letztendlich noch einmal vor die Alternative Buch oder Anorexie gestellt hat. Würdest du sagen, dass das Sichtbarwerden in deinem Buch und in deinem Blog einen wichtigen Beitrag leistet auf deinem Weg heraus aus der Krankheit und hin zum Leben?
Ja. Der Griff zu Zeichenblock und Tusche, oder auch der zu Tagebuch und Stift, war eine große Stütze. Trotz aller Freude am Malen möchte ich mir nicht ausmalen, wie und ob ich gewisse Zeiten meines Lebens ohne das Zeichnen und Schreiben durchgestanden hätte.
Auch heute hat kreatives Schaffen eine wichtige Bedeutung für mich. Nicht nur das Schreiben, sondern auch das Fotografieren und die anschließende Bildbearbeitung sind eine zumeist erfolgreiche Strategie für mich, um beispielsweise Flash-Backs loszuwerden.
Davon abgesehen habe ich festgestellt, dass es mir hilft, negative Emotionen und belastende Bilder wegzuschieben, wenn ich mein Augenmerk auf schöne Dinge lenke. Wenn ich also keine schwarzen PAINtings mehr zeichne, sondern anstelle derer farbige Fotos knipse oder auch bunte Bilder male. Für meine farbenfrohen, niedlichen Postkärtchen bin ich nach mittlerweile knapp 1000 Stück ziemlich bekannt, welche die Fortsetzung und zugleich das exakte Gegenteil der PAINtings sind. Vielleicht werde ich ein paar davon im Netz veröffentlichen, mal sehen. an kreativen Ideen mangelt es jedenfalls nicht.
  ( ;

Welcher Leidensweg beim Beginn deines Buches bereits hinter dir lag, ist wohl kaum zu ermessen. Gibt es Pläne von dir, deine interessierten Leser auch an dieser Zeit ein wenig teilnehmen zu lassen?
Kommt Zeit, kommt Plan! (Oder ein weiteres Buch?)
– Tendenziell jedenfalls gehen meine Pläne mehr in Richtung Zukunft. Das Buch sollte ja ein Abschließen mit der Vergangenheit sein, darum möchte ich die alten Zeiten nun auch ruhen lassen und dafür nach vorne blicken. – Es gibt schließlich viel versäumtes (Er-)Leben nachzuholen.

Durch deine ehrliche und offene Art, alles auszusprechen, gelingt es dir in deinem Buch sehr gut, das Leiden einer Anorektikerin an ihrer inneren Zerrissenheit und dem daraus resultierenden widersprüchlichen Verhalten aufzuzeigen. Ihr ist diese Widersprüchlichkeit durchaus bewusst, sie schämt sich dafür und kann sich dieser Handlungsweise doch nicht entziehen. Gerade das wird von der Außenwelt oft nicht verstanden, was zu abschätzigen Reaktionen führt, die wiederum bei der Betroffenen noch mehr Schuldgefühle entstehen lassen.
Dein Buch leistet meiner Meinung nach einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Krankheit. Hast du von Nicht-Betroffenen entsprechende Rückmeldungen bekommen?
Ja. Zwar kommen die meisten Feedbacks von Betroffenen (oder von Autoren, die auf der Suche nach einem Verlag am Verzweifeln sind und nach Tipps fragen), aber vereinzelt erhalte ich auch Rückmeldungen von Menschen, die nicht selbst erkrankt sind, sondern jemanden kennen, der eine Essstörung hat, und denen mein Buch eine hilfreiche Lektüre sein konnte.
Zu hören oder zu lesen, dass ich zu einem besseren Verständnis dieser Krankheiten beitragen kann, zeigt mir, dass es sich beidseits gelohnt hat, den „Buch-Weg“ mit all seinen Stolpersteinchen einzuschlagen.

© Susanne Meister, Mara Schwarz | 2012

Es ist angerichtet

Da habe ich ja mal wieder was angerichtet: Eigentlich wollte ich nur ein Buch schreiben um ein wenig über meine Erfahrungen mit Essstörungen zu erzählen und darüber aufzuklären.
Aus dem Titel „Magersucht ist kein Zuckerschlecken“ allein ließe sich schon erschließen, dass magersüchtig zu sein wenig bis gar nichts mit „Genuss“ zu tun hat. – Dachte ich.
Auch dachte ich, allen sei klar, dass Anorexia nervosa keine Diät ist.
Doch damit lag ich falsch, wie sich nun herausstellt.

Und ich hab ja mit Vielem gerechnet.
Aber nicht damit.
Ich hatte erwartet, mit Eiern und Tomaten beworfen zu werden oder mit Trostkeksen gefüttert zu werden – die ich vermutlich nicht gegessen hätte!   ( ;
Ich hatte erwartet, dass sich mein Buch als zu schwere Kost erweist und entweder gar nicht probiert wird, oder aber dass sich eine neue Magen-Darm-Epidemie unter der lesenden Bevölkerung ausbreitet. Das sogenannte „Mara-Virus“, noch unerforscht, hoffentlich nicht tödlich…

Aber ich hatte mich geirrt: Mein Buch scheint das Interesse geweckt zu haben, es sieht ganz so aus, als sei doch wider Erwarten die ein oder andere Leseratte auf den Geschmack gekommen – was mich sehr, sehr freut.
Scheinbar allerdings wird das Hauptaugenmerk bevorzugt auf den zweiten Teil des Titels, das „kein Zuckerschlecken“ gerichtet, denn makaberer Weise findet sich mein Werk bei Amazon in der Rubrik
„» Kochen & Genießen » Diäten & spezielle Ernährungspläne » Diäten zum Abnehmen“
und belegt dort den 13. Platz der beliebtesten Bücher!
Jetzt haben wir den Salat: Die lieben Menschen beim Periplaneta Verlag haben alle Hände voll zu tun, um mit den Auslieferungen der Bestellungen hinterherzukommen. Aber keine Sorge, es ist genug für alle da, und kalt wird auch nichts (allenfalls ein bisschen welk…)!

Ich danke den Testessern dafür, dass noch keine Trostkekse, Tomaten und Ähnliches bei mir angekommen sind, wünsche weiterhin guten Appetit und sage: „Wohl bekomm’s!“
Aber: Magersucht ist kein Zuckerschlecken, auch keine Diät – das möchte ich noch einmal ausdrücklich betonen!
Magersucht ist eine todernste Krankheit, die viel zu oft unterschätzt wird!
Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Mortalität, an der 20% der Betroffenen innerhalb von 17 Jahren sterben! – Ich selbst gehörte beinahe dazu.

© Mara Schwarz | 2012

Erstes Interview

Weil sich herausgestellt hat, dass das Thema „Essstörungen“ auf großes Interesse stößt, habe ich mir Löcher in den (kaum vorhandenen) Bauch fragen lassen und versucht, ein paar Fragen zu beantworten:

Julia Bossart Meister: Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, deine Geschichte zu einem Buch zu machen?
Mara: Das kam aus heiterem Himmel: Ich stand in einer Buchhandlung und hatte – eine Autobiografie in den Händen haltend – plötzlich die verrückte Idee: „Hey, es wäre doch echt toll, wenn eines Tages ein Buch von mir hier stehen würde!“
Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Nicht ahnend, dass ich den Wunsch vom eigenen Buch mit sehr vielen anderen teile, wühlte ich noch am selben Tag Erinnerungen aus alten Tagebüchern und Hirnwindungen hervor und begann aufgeregt loszutippen, dass die Tasten nur so klapperten. Zwei von ihnen musste mein Laptop auf diese Weise lassen…

Wie muss man sich da die Arbeit am Manuskript vorstellen? Jeden Tag diszipliniert fünf Seiten oder eher der kreative Schaffensrausch bis nachts um drei?
Ganz klar Zweiteres: Umringt, fast überhäuft von unzähligen Noitzzettelchen und Papierfetzen schrieb ich das komplette Buch in weniger als drei Wochen. Das ging durchaus auch mal länger als bis drei Uhr nachts. Die fehlenden Tasten und meine Eigenart, nur einhändig zu tippen, geschweige denn blind schreiben zu können, erschwerten und verlängerten den Schreib-Prozess zwar, aber wo ein Wille, da ein Buch!   ( ;

Derartige Erfahrungen zu Papier zu bringen, weckt sicher viele ungute Erinnerungen. War der Schreibprozess eher belastend oder hatte das nochmalige Aufschreiben eher befreiende Wirkung?
Die Zeit während dem Schreiben und auch beim Lektorieren war nicht einfach, weil mit dem Aufkommen von unschönen Erinnerungen auch meine Essstörung wieder verstärkt hochkam. Es gab darum Phasen, in denen es mir nicht nur psychisch, sondern auch physisch ziemlich schlecht ging. Deswegen konnten sich die wenigsten meiner Mitmenschen für das Buch-Projekt begeistern.
Aber ich bin ein Sturkopf, und wenn sich erst einmal etwas in meinem Sturkopf festgesetzt hat, dann setze ich mich auch stur und mit vollem Einsatz dafür ein, dieses Ziel zu erreichen.
Das Ziel vom eigenen Buch konnte ich allerdings nur mit einem gewissen Maß an körperlicher Stabilität erlangen, denn der Weg zum Buch ist viel komplexer als man vemutet. Ich musste mich also entscheiden: Das Buch oder die Anorexie. Ich entschied mich gegen die Krankheit – und für das Buch.
Zwar lässt sich mit Abschließen des letzten Buch-Kapitels die Vergangenheit nicht ebenfalls ganz abschließen, aber Vieles ist jetzt hinter Schloss und Riegel. So gesehen hatte – im Nachhinein betrachtet – das Aufschreiben etwas Befreiendes. Und unter dem Strich kann ich sagen: Schreiben ist des Autors Lust!  ( ;

Du beschreibst sehr eindrücklich das Phänomen Drehtürpsychiatrie. Siehst du dazu eine Alternative, oder liegt es in der Natur der Magersucht, dass Klinikaufenthalte zwangsläufig scheitern, weil man den Patienten ja nur so lange gegen seinen Willen dortbehalten darf, bis er außer Lebensgefahr ist, also bevor die Therapie beendet ist?
Ich denke, dass das ganz auf den Einzelfall ankommt. Eine stationäre Behandlung muss nicht zwangsläufig erfolglos sein. Entscheidend ist zum Einen die Einstellung der Erkrankten (möchte er/sie geheilt werden oder nicht), und zum Anderen auch das Verhältnis zwischen TherapeutIn und PatientIn. Auch die richtige Klinikwahl trägt viel dazu bei, ob eine Behandlung erfolgreich verläuft oder scheitert.
Wenn eine Essgestörte nicht den Wunsch hat, gesund zu werden – und zwar für sich selbst, nicht anderen zuliebe – wird weder ein Klinikaufenthalt noch eine alternative Therapiemöglichkeit eine dauerhafte Veränderung bewirken können.

Was kann man als Außenstehender im Umgang mit Magersüchtigen tun? Man leidet ja quasi mit, will helfen, kann aber den Betroffenen kaum mehr erreichen.
So sehr ich es auch wünsche, ich habe leider kein Patentrezept! Es kommt auch da auf den Einzelfall an. Auf das Krankheitsstadium, die Erkrankungsdauer, den körperlichen Zustand, Erfahrungen mit den Auswirkungen der Krankheit und einiges mehr.
Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass jeder Druck, jeder Zwang von außen nur zu Gegendruck führte. Je mehr mir gesagt wurde, was ich falsch mache, was nicht stimmt, aber zu stimmen hat, desto weniger wollte ich stimmen. Man kann nicht lernen, sich selbst zu akzeptieren (und das ist einer der gravierendsten Punkte auf dem Weg aus der Sucht!), wenn man unentwegt zu hören bekommt, dass Gewicht, Blutwerte, Aussehen, Essverhalten etc. nicht akzeptabel sind.
Es ist verständlicher Weise für Familienangehörige, Freunde, Ärzte und Therapeuten nicht leicht, „einfach zuzuschauen“ – auch dann, wenn das Leben eines Menschen, den man liebt, am seidenen Faden hängt – aber letzten Endes brachte mich genau das dazu, selbst Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. – Und auch, mich endlich zu entscheiden, ob ich leben oder sterben möchte.
Davon abgesehen denke ich, dass offene, direkte und wertfreie Worte immer die beste Möglichkeit im Umgang mit Anorektikerinnen und Bulimikerinnen sind.

Im Buch kommen mehrere magersüchtige Freundinnen vor, und die Szenen sind durchaus ambivalent. Konntet ihr euch da eher helfen und unterstützen, weil man weiß, was die andere durchmacht, oder bestärkt man sich nicht gegenseitig in selbstzerstörerischen Verhaltensweisen? Hilfreich oder schädlich?
Auch das ist von Fall zu Fall unterschiedlich und abhängig von der Persönlichkeit und dem Krankheitsstadium bzw. der Bereitschaft zur Veränderung. In der damaligen Situation war das eher nicht von Vorteil, hat meine Essstörung vielmehr begünstigt.

Hast du noch Kontakt zu diesen Freundinnen?
Nein. Davon abgesehen, dass ich in der Zwischenzeit mehrere Male umgezogen bin, habe ich gemerkt, dass mir der Umgang mit Menschen, bei denen das Essen nur nebensächlich Thema ist, dabei hilft, selbst die Essstörung weniger zu thematisieren und anderen, lebendigeren Lebensinhalten mehr Raum zu geben.

Gibt es bei Essstörungen eine definitive Heilung? Oder ist man wie ein Alkoholiker auch „trocken“, aber ein Rückfallrisiko bleibt immer?
Allgemein geht man ja davon aus, dass die Heilungschancen umso höher sind, je kürzer die Krankheitsdauer ist. Aus meinen Erfahrungen muss ich leider sagen, dass ich – mit einer einzigen Ausnahme – keine Betroffene kenne, die wirklich völlig geheilt ist. Erschwerend ist, dass man das Thema Essen ja nicht einfach komplett ausblenden kann, wie es bei vielen anderen Süchten der Fall ist. Man muss sich tagtäglich mehrfach damit auseinandersetzen und immer wieder neu entscheiden, ob man sich selbst oder die Sucht leben lassen möchte.

Wie wirkt sich die Magersucht heute noch auf deinen Alltag aus?
Ich bin in engmaschiger therapeutischer und ärztlicher Behandlung – freiwillig, nicht weil ich gezwungen werde. Fast 17 lange Jahre habe ich meinen Körper bekämpft – das blieb nicht ohne gravierende Folgen…
Die Magersucht habe ich inzwischen satt und wieder Appetit aufs Leben bekommen, aber so richtig schmecken lassen kann ich es mir noch nicht.

Du schreibst und malst – gibt es noch mehr kreative Adern in dir?
Definitiv! Ich habe mehr kreative Ideen als der Tag (und die Nacht) Stunden hat! Neben dem Schreiben und Zeichnen fotografiere ich sehr gerne oder gestalte Webseiten. Auch meine Wohnung fällt meiner Kreativität häufiger als gut zum Opfer. Da lösen sich dann schon mal die Tapeten von den Wänden, weil ich zu häufig gestrichen habe, oder Möbel brechen zusammen, weil sie zu oft hin und her geschoben wurden. Davon abgesehen nähe ich Teddybären, Taschen und verwerte Reste, die mir gerade in die Quere kommen, zu etwas, was die Welt eigentlich nicht braucht, aber trotzdem schön anzusehen ist.

Und gibt es ein nächstes größeres Projekt? Ein weiteres Buch? Oder etwas ganz anderes?
Mein nächstes Projekt wird sein, ein Wunderheilmittel gegen Essstörungen zu entwickeln. Alle, die dann gesund sind, lade ich zu einem Festessen ein. Wir werden zusammen eine Wohngemeinschaft gründen, die ich wöchentlich neu gestalte, und in der ich auf einem Laptop, dem keine Tasten fehlen, mit zwei Händen ein neues Buch schreibe. – Nicht zu vergessen der angrenzende Laden, in dem ich all meine Teddybären und Zeichnungen verkaufe. Vom Erlös werde ich mir dann eine Spiegelreflexkamera kaufen, mit der ich Fotos für mein übernächstes Projekt, einem Kalender, schieße…   ( ;

© Julia Bossart Meister, Mara Schwarz | 2012

Infos zum Buch
zweites Interview

Es ist da!

Hurra!
Es ist da!
Es ist tatsächlich da!
Es ist kein Junge.
Es ist auch kein Mädchen.
Es ist… (M)ein Buch!
Am Freitag, den 18.05.2012
um 18:30 Uhr
hat es der Bücher-Klapperstorch gebracht. ( :

Alles drin,
alles dran,
alles gut:
232 Seiten Kopfumfang,
20,6 cm ×13,5 cm x 2,5 cm Bauchumfang,
309 Gramm leicht.

Könnte es schon sprechen – es würde sagen: „Ick bin een Berlina!“
Es war keine einfache Geburt, aber es geht uns bestens – Buch sowie Autorin – und wir bilden bereits eine feste symbiotische Einheit. ( ;

© Mara Schwarz | 2012